Page 70 - KANADA Magazin 2024
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QUÉBEC
Ufer ist schon seit Baie-Saint-Paul
nicht mehr zu sehen – mal taucht
sie in dunkle Kiefernwälder. Dann
und wann begleitet sie auch für eine
Weile die Küste. Die große Einsam-
keit beginnt.
Weniger als drei Personen leben
hier auf einem Quadratkilometer, mit
querenden Elchen und Schwarzbären
ist immer zu rechnen. Und mit Walen:
Als wir in Baie-Comeau auf die Fähre
nach Matane an der Südküste rollen,
wuchtet ein junger Buckelwal vor dem
Hafenbecken sein Tonnengewicht
mehrmals aus dem Wasser.
Entlang der Steilküste
Am nächsten Tag geht es vom Krab-
benfängerhafen Matane auf der
Foto: Marc Loiselle Halbinsel. Schon bald wird es noch
Küstenstraße 132 Richtung Gaspé-
wilder und zerklüfteter als an der
Nordküste. Häuser drängen sich
zu dekorlosen Haufen zusammen,
Manchmal kann man vom Ufer aus sogar Wale beobachten. Haustüren öffnen direkt zur Straße.
Dazwischen hängen Stromkabel-
meter entfernten Atlantiks noch Später erinnern wir uns besonders salate, die zu der ungeschminkten
immer spürbar sind. Die alte Kapitale gern an die fast 100 Meter hohen Lebenswelt gehören wie die ein-
des Ancien Régime und heutige Pro- Montmorency-Wasserfälle und die fachen, „Dépanneur“ genannten
vinzhauptstadt ist noch immer das für ihre Künstlerkolonie berühmte Kaufläden und die Tankstellen, wo
Herz des frankophonen Kanada. Gemeinde Baie-Saint-Paul im Char- man Kaffee im Styroporbecher trin-
1608 gegründet, blickt ihre mauer- levoix. Diese mittelgebirgsähnliche ken und Lottolose kaufen kann.
bewehrte Altstadt von einem steilen Region ist wegen ihrer vielen Natur- Gleich dahinter schlägt der
Felsen auf die eng verschachtelte schutzgebiete ein Biosphärenreservat. Atlantik auf den steinigen Strand.
Unterstadt mit ihren gepflasterten Wir streifen durch die Galerien Es riecht nach Salz und Tang. Hin-
Gassen, steilen Treppen und hüb- und genießen abends das zarte Licht, ter Sainte-Anne-des-Monts beginnt
schen Restaurants. dass seit 100 Jahren Maler hierher grauschwarze, mehrere Hundert
In der Oberstadt zieht es uns lockt. Anschließend tauchen wir auf Meter hohe Steilküste. Wellenbre-
zum Fairmont Le Château Fron- der Küstenstraße 381 in die Natur cher schützen die Straße vor dem
tenac, dem wohl meistfotografierten ein: Zwischen Aussichten auf den auf Augenhöhe anrollenden Atlan-
Luxushotel der Welt. Von der Ter- immer breiteren und jetzt Salzwasser tik. Das an den Hängen klebende
rasse Dufferin blicken wir über die führenden Strom geht es durch hüb- 200-Seelennest La Martre mit dem
grünen Dächer der Unterstadt auf sche Dörfer. vielfotografierten roten Leuchtturm
die vor der Engstelle liegenden Île In Tadoussac an der Mündung des gleitet vorbei.
d’Orléans. Saguenay-Fjord in den St.-Lorenz Bis L’Anse-au-Griffon geht es so
begleitet uns ein kleiner Minke-Wal weiter. Kraftvolle Kulissen, mit auf
Wale in Sicht bei unserem Spaziergang über die den nackten Fels gestellten Sied-
Dann startet der Roadtrip auf der Felsenplatten der Landzunge Pointe lungen. Im Forillon-Nationalpark
Route 138, eine der längsten Straßen d’Islet. Der fotogene 800-Seelen-Ort klettern wir auf den Mont Saint
Kanadas, die von der amerikanischen gehört zu den besten Plätzen für Wal- Alban und schauen auf das schönste
Grenze bis zum 1.400 Kilometer ent- beobachtung in Ostkanada. vorstellbare Ensemble von Himmel,
fernten Kegaska führt, einem Grenz- Bis zur Autofähre in Baie-Comeau Land und Meer. Auf dem Weg zurück
ort kurz vor Labrador. Eine Fülle von sind es noch 200 Kilometer. Mal zum Auto sehen wir einen Schwarz- Sagt Bonjour zu Québec und entdeckt
Städtchen, Dörfern und Landschaf- schwingt sich die kurvenreiche bären. Es kann nicht besser werden, die einzigartige Flusslandschaft des Besuchen Sie uns unter
ten gleitet in den nächsten fünf Tagen Straße mehrere Hundert Meter hoch denken wir in dem Moment. Aber da
an uns vorbei. über das felsige Litoral – das andere kennen wir Percé noch nicht. | Sankt-Lorenz-Stroms!
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